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Religiöse Entwicklungen in der Neuzeit

Die Reformation

Die mittelalterliche Kirche, die im römischen Papsttum ihre Zentrale erblickte, war im Laufe ihrer Geschichte immer wieder kritisiert worden. Die Kirche und ihre Geistlichen hatten sich auf den Erwerb und die Wertschätzung irdischer Güter eingelassen. Im Wirtschaften mit barem Geld, das im Leben der Menschen zunehmend an Bedeutung gewann spielte die Kirche als regelrechtes Geldinstitut auch im Herzogtum Schleswig eine große Rolle.

Eine innerkirchliche Erneuerungsbewegung war die „Devotio Moderna“ („neue Frömmigkeit“), die eine praktische Nachfolge Christi in der Welt mit Krankenpflege, Armenfürsorge und Verbesserung der Bildung den an Mystik und äußerliche Prachtentfaltung gebundenen religiösen Vorstellungen des Mittelalters vorzogen. Ausgehend von den Bußaufrufen des niederländischen Predigers Geert Groote (1340-1384) und getragen durch die von seinen Schülern 1386 in Windesheim bei Zwolle begründeten, wenig später vom Papst als Klostergemeinschaft bestätigte Reformkongregation fand die Devotio Moderna weite Verbreitung.

Die Veröffentlichung der 95 Thesen des Dr.Martin Luther(1483-1546) gegen den Ablasshandel, mit dem der Papst seine römischen Bauten zu finanzieren suchte, und die Auseinandersetzung des Reformators mit dem Kaiser und dem Vatikan verfolgten auch Friedrich I. und sein Sohn, der spätere König Christian III. (1503-1559), sehr aufmerksam. Prinz Christian – Repräsentant der Landesherrschaft für das Herzogtum Holstein, ein deutsches Lehen – nahm 1521 am Reichstag in Worms Teil, bei dem Luther jeden Widerruf seiner Lehren ablehnte.

Friedrich I. (1471-1533), seit 1490 Herzog von Schleswig und seit 1523 König von Dänemark, stand der „Devotio Moderna“ offenbar nahe. Hinweise auf seine in diesem Sinne angelegte persönliche Frömmigkeit zeigt, so die These der Kunsthistorikerin Ingeborg Kähler, die prächtige Retabel des Bordesholmer Altars, der später im Schleswiger Dom seine Heimstatt fand. Auftraggeber des von dem Husumer Holzschnitzer Hans Brüggemann geschaffenen Werkes war der Herzog, der 1514 im Kloster Bordesholm für seine soeben im Alter von 27 Jahren gestorbenen Herzogin Anna und für sich selbst eine Grablege einrichten und dort den Altar aufstellen ließ.

Friedrich I., König von Dänemark und zugleich Herzog von Schleswig, ergriff die ersten Maßnahmen zur Durchsetzung der Reformation in seinem Machtbereich. Nach Husum, einen der wichtigsten Handelsorte an der Westküste des Herzogtums, sandte er 1525 den jungen Kleriker Thedoricus Pistorius mit einem Schutzbrief, der ihn ausdrücklich auftrug, hier die neue Lehre zu verkünden. In Flensburg setzte er im Jahre 1526 Gerhard Slewart als ersten lutherischen Prediger ein.

Ab 1527 hatte sich die Reformation im Herzogtum Schleswig weitgehend durchgesetzt. Die Funktionsträger der alten Hierarchie wurden abgefunden. Der Übergang verlief friedlich. Die Neuorientierung ging auf die Initiative des Landesherrn König und Herzog Friedrichs I. zurück, der auch am meisten davon profitierte. Mit der 1542 erlassenen Schleswig-Holsteinischen Kirchenordnung erhielt die lutherische Kirche eine feste rechtliche Basis. Als ihr Oberhaupt fungierte bis dahin Friedrich I. und nach seinem Tode 1533 sein Sohn Christian III.

Neben dem großen persönlichen Eindruck, den der Reformator bei dem dänischen Prinzen hinterließ und von dem dieser gewiss seinem Vater berichtete, bestand noch ein anderes, insgesamt wohl mindestens ebenso wichtiges Motiv, der neuen Lehre Raum zu geben. Der Ablasshandel, Anlass der Reformation, bildete eine Frucht der Geldwirtschaft, die in wachsendem Maße die Politik bestimmte. Und es waren nicht nur Ablassbriefe, die der Kirche Geld brachten. Sie war vielmehr ein zentraler Knoten des für sie höchst einträglichen ökonomischen Netzwerkes des Mittelalters. Hier war ein vitales Interesse der Fürsten berührt. Die Möglichkeit durch eine Distanzierung von der Papstkirche, Einkünfte, die sonst nach Rom strömten oder in den kirchlichen Kassen im eigenen Land verschwanden, selbstbestimmt für die fürstliche Rechnung einplanen zu können, musste ihnen verlockend und – aus Sicht des fürsorglichen Landesvaters – geradezu geboten erscheinen.

In der Literatur heißt es bis in die jüngste Zeit, der Priester Hermann Tast habe 1522 in Husum aus eigener Überzeugung gegen alle Widerstände begonnen, Luthers Lehre zu verkünden. Hierbei handelt es sich um eine Legendenbildung aus dem 17. Jahrhundert, die auf der ungenauen Darstellung des Chronisten Anton Heimreich beruht und in idealisierenden Darstellungen des Reformationsgeschehens weitergetragen wurde und sich schließlich zu einer populären Tradition verfestigte. In Wahrheit stieß Tast erst 1527 auf Drängen des Königs zur neuen Kirche, später fungierte er als Propst.

Pietismus und die Herrnhuter Brüdergemeinschaft

Im 18. Jahrhundert wurde das Herzogtum Schleswig ein Ort für kirchliche und volksnahe religiöse Verkündigung. Im westlichen Schleswig fing der Pietismus eine Reihe von Pfarrern, in erster Linie Enewald Ewald aus Øster Højst und die drei Gebrüder Brorson (”das nette Dreigestirn”). Es handelte sich um Nikolaj Brorson in Bedsted, Broder Brorson in Mjolden und – der wichtigste – Hans Adolph Brorson, der seine Karriere als Hauslehrer in Løgumkloster begann und dann Pfarrer in Randerup wurde, anschließend dänischer dritter Pfarrer in Tønder, und zum Schluss Dompropst und Bischof in Ribe. Er ist wohl am ehesten als geistlicher Dichter bekannt; u.a. stammt das bekannte dänische Kirchenlied ”Op al den ting, som Gud har gjort” (Gelobt sei alles, was Gott erschaffen) seiner Feder. Ein herausragender pietistischer Geistlicher war auch der Probst in Tønder, J. H. Schrader. 
Im westlichen Schleswig war die Verkündigung dieser Pfarrer bald Ausgangspunkt einer breiten Erweckungsbewegung. An einigen Orten artete es sich zu schwärmerischen ’Konventikeln’ (privaten religiösen Zusammenkünften) aus. Die Behörden verboten durch das sogenannte Konventikelplakat von 1741 religiöse Versammlungen, bei denen kein Pfarrer anwesend war. Dadurch wurde die pietistische Bewegung auf den kirchlichen Rahmen beschränkt, aber dennoch schuf der Pietismus bei vielen eine neue und mehr persönliche Einstellung zum Christentum. Die Bibel, Psalmen- und Andachtsbücher und andere erbauliche Schriften fanden sich in vielen Häusern. Der Pietismus trug damit zu einer Stärkung des Selbstständigkeitsgefühls beim Einzelnen bei, der von der Erweckung ergriffen wurde. 
 
Die Brüdergemeinde in Christiansfeld nahm ihre Tätigkeit 1772 auf. Wie die pietistische Erweckungsbewegung prägte sie erheblich die Frömmigkeit in Sønderjylland im 18. und 19. Jahrhundert. Die Brüderkirche ist eine internationale, evangelische Kirchengemeinde, die auf der am 1. März 1457 gegründeten „Brüderunität“ aufbaut, die sich an den Gedanken des Reformators Jan Hus orientiert. 
Die Brüdergemeinde hatte zu Anfang des 16. Jahrhunderts zehntausende Mitglieder im Norden im jetzigen Tschechien. U. a. in der Folge des 30-jährigen Krieges starb die Brüderunität fast vollständig aus. Die wenigen überlebenden Mitglieder flüchteten Anfang des 17. Jahrhunderts in das südliche Sachsen, wo sie bei Graf Nicolaus L. v. Zinzendorf Verständnis, Schutz und die Möglichkeit zur Ausübung ihres Glaubens fanden.

Am 13. August 1727 wurde aus der Gemeinschaft eine eigentliche Kirche. Dieses Datum wird als Gründungstag der Brüdergemeinde angesehen. Graf Zinzendorf war überall in den europäischen Fürstenhäusern bekannt. Er trug zur Anerkennung der Brüdergemeinde bei. Die erste Niederlassung der Brüder in Sachsen war Herrnhut. Dieser Ort war bis zur Teilung Deutschlands Zentrum der Brüdergemeinde. 
Graf Zinzendorf besuchte Dänemark aus Anlass der Krönung von Christian 6. im Jahre 1731. Der Graf war ein Halbvetter der Königin Sofie Magdalene, und dieser Kontakt zum dänischen Königshaus bedeutete, dass die Brüdergemeinde die Erlaubnis zur Mission in Grönland und Dänisch Westindien erhielt. Laien der Brüdergemeinde besuchten Schleswig 1735, und 1739 wurde die Brüdersozietät in Kopenhagen gegründet. In den 40’er Jahren des 18. Jahrhunderts gründeten sich Gemeinden in Burkal und Stepping.
Im Jahre 1771 bat Christian 7. den Justizrat Lorenz Prætorius darum, den Kontakt zur Brüdergemeinde herzustellen, um eine Brüdergemeinde in den Herzogtümern zu gründen. Die Mitglieder der Brüdergemeinde waren als fleißige und tüchtige Leute bekannt, die zum wachsenden wirtschaftlichen und geistigen Aufschwung der Region beitragen konnten. Die Brüdergemeinde wurde auf den Ländereien von Tyrstrupgård gegründet. Der Ort wurde nach Christian 7. benannt, der die Zulassung unterschrieben und der Gemeinde Privilegien zugeteilt hatte.
Christiansfeld wurde wie alle Orte der Brüdergemeinde nach einem klaren Grundplan angelegt, so wie es ab Mitte des 18. Jahrhunderts bei der Planung üblich war. Vorbild für Christiansfeld ist die nordöstlich von Frankfurt gelegene Stadt Herrnhaag. Hauptgedanke war es, die Stadt um das Kirchengebäude herum anzulegen, und alle anderen Gebäude entlang der Strasse aufzuführen, die den öffentlichen Raum darstellt. Hinter den Häusern befanden sich private Bereiche, die eine große Rolle gespielt haben – sowohl als Nutzgärten, wie auch als rekreative Bereiche für Familien oder die Bewohner der großen Gemeinschaftshäuser. 
Die Stadt ist modular aufgebaut. Der Gottesacker (Friedhof) liegt etwas abseits der übrigen Bebauung. Um den Kirchenplatz herum wurden die großen „Chorhäuser“ errichtet. Hier wohnten die unverheirateten Mitglieder der Gemeinde, die sogenannten Brüder und Schwestern, und Witwen. Entlang der schnurgeraden Strasse wohnten die Familien. Auch eine Jungen- und eine Mädchenschule wurden gebaut. Architektonisch gesehen enthält Christiansfeld Elemente von Spätbarock, Rokoko, Empire und Klassizismus. Der ursprüngliche Stadtplan, der über einen Zeitraum von etwa 40 Jahren bebaut wurde, ist intakt.  Das erste Haus, Lindegade 17, wurde 1773 errichtet. Dort lag auch der erste Versammlungssaal der Gemeinde. Im Jahre 1776 wurde das erste Kirchengebäude – als „Saalhaus” bezeichnet – auf der Westseite des Kirchenplatzes aufgeführt. Es wurde 1796 erweitert, um der wachsenden Gemeinde Platz zu bieten. Im Kirchensaal steht eine interessante Orgel von 1865, gebaut bei Marcussens Orgelbauerei in Aabenraa.
Die Brüdergemeinde hat die meisten ihrer besonderen Traditionen bewahrt, beispielsweise in Verbindung mit Gottesdiensten und Beisetzungen, wo der Leichenzug zum Gottesacker von einem Bläserorchester begleitet wird. Die Gemeinde wird von einem Ältestenrat geleitet. Bis zum Jahre 1872, in dem der Ort den Status als Marktflecken erhielt, war der Ältestenrat identisch mit der Gemeindevertretung. Die Mitglieder der Brüdergemeinde waren fleißige Leute, die im Rufe standen, tüchtige Handwerker zu sein. In Christiansfeld wurde u.a. Tabak, Seife, Margarine, Lederwaren, Kachelöfen und die berühmten Honigkuchen hergestellt. Der ursprüngliche Ortskern in Christiansfeld ist gut erhalten, da neuere Wohnungen und Gewerbegebäude außerhalb der Ortsmitte aufgeführt wurden. Dadurch bietet Christiansfeld ein einzigartiges kulturelles Ambiente aus einer Zeit, als in Dänemark nicht viele neue Gebäude entstanden sind.

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