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Politik und Moderne

Vom Gesamtstaat zum modernen Nationalstaat 1721 bis ca. 1840

Nach Einverleibung der gottorfschen Teile des Herzogtums Schleswig unter die dänische Krone 1721 versuchte die absolutistische Königsmacht, ihre Stellung durch zielgerichtete Königspropaganda zu festigen. Dies äußerte sich besonders im Zusammenhang mit den großen Anlässen im Königshaus, wie Taufen, Hochzeiten, Krönungen, Beisetzungen und königliche Geburtstage. Dazu kamen noch die besonderen Anlässe wie 1749 das 300-jährige Jubiläum des oldenburgschen Königshauses und 1760 der 100. Jahrestag der Einführung des Absolutismus.

Die Festtage des Königshauses wurden mit Gottesdiensten, Schulfesten und der Veranstaltung von Bürgerfesten durch die Stadträte gefeiert. Die Königsmacht war auch besonders bei den zahlreichen Besuchen der Könige in den Herzogtümern deutlich. In den Städten wurden Ehrenpforten errichtet, Häuser wurden festlich erleuchtet, die Bürgerwehr hielt eine Parade zu Ehren des Königs ab, Lobgedichte wurden vorgetragen, die Zuschauer hatten sich aufs feinste herausgeputzt, der König wurde von den örtlichen Würdenträgern empfangen, es wurde zu festliche Tafeln eingeladen usw. Anfangs inspizierten die Könige hauptsächlich militärische Einheiten, aber nicht zuletzt unter Frederik VI. und Christian VIII. wurde das Besuchsprogramm auf zivile, staatliche Einrichtungen ausgeweitet, die persönlich durch die beiden Könige kontrolliert wurden. Für Christian VIII. war dies nicht nur Arbeit, sondern er hielt sich auch jedes Jahr zu Badeferien auf Föhr auf und machte Familiebesuche in Augustenborg.
 
Die ländlichen Bereiche genossen nicht die gleiche königliche Aufmerksamkeit, wie die Kleinstädte, aber viele Landbewohner hatten die Gelegenheit, den König während der Reise zu sehen, und es kam auch vor, dass Bauern in die Stadt führen, um den König zusehen. Aus zahlreichen bäuerlichen Aufzeichnungen kennt man Formulierungen wie "unser König" oder "unser allergnädigster König" in Zusammenhang mit dem dänischen Monarchen. Sein Bekanntheitsgrad, die Kenntnis seiner Person und seine Bedeutung als Herrscher der Monarchie war auch bei schleswigschen Bauern hoch. Im bäuerlichen Denken gab es eine festgewachsene Vorstellung von König als Hüter der nicht privilegierten Stände gegenüber „den hohen Tieren“ – also Gutsbesitzern und Beamten, die dem Bauer „das Recht“ verweigerten. Bei Konflikten versuchten die Bauern daher, die mittleren Instanzen zu übergehen und sich mit ihren Klagen direkt an den König zu wenden. Dies war eine stark verbreitete Auffassung bei vielen schleswigschen Bauern bis 1848.

In den Städten traf die absolutistische Staats-, Königs- und Systempropaganda ab dem Ende des 18. Jahrhunderts auf den nach vorne drängenden Patriotismus des Bürgertums. Wo die offizielle Königspropaganda dem Bürger eine passive Rolle als Zuschauer anwies, forderte der Patriotismus der Aufklärung einen aktiven Einsatz der Bürger zum Nutzen des Staates und des Gemeinwohls. Auch wen der König weiterhin hoch über den allgemeinen Bürgern stand, gab es dem patriotischen Gedankengang zufolge einen ungeschriebenen Vertrag zwischen König und Untertanen, gemeinsam zum Wohle des Staates zu wirken. Das Bürgertum tat sein bestes in Form von zahlreichen, nutzorientierten Maßnahmen, wie der Einrichtung von allgemeinbildenden und beruflichen Schulen, Gewerbebetrieb zur Beschäftigung der Armen, die damit ein Auskommen haben konnten, Einrichtung von Armenhöfen, Gründung von patriotischen Gesellschaften und Vereinen, Förderung der Landwirtschaft usw.; außerdem stellten sie sich zur Verteidigung durch die Gründung von Bürgerwehren zur Verfügung. Im Gegenzug hörte der König nach dieser Auffassung auf die patriotischen Wünsche des Bürgertums. Meinungsfreiheit war ein entscheidendes Element in diesem ungeschriebenen „Vertrag“.

Im dänisch-norwegisch-schleswig-holsteinischen Gesamtstaat beherrschte diese patriotische Ideologie die gesamte aufkommende bürgerliche Öffentlichkeit in allen Teilen der Monarchie. Über die sprachlichen Grenzen hinweg stellten sich die führenden Bürger geschlossen hinter den dänischen König, Regierung und Staat. Dies galt auch – und vielleicht vor allem – in den Herzogtümern in Schleswig und Holstein. Dieser Gesamtstaatspatriotismus war mehr als nur Königstreue; zwar war das Lob des Monarchen ein Hauptelement des öffentlichen Lebens, es richtete sich aber eher an den König als Symbol des Staates, und nicht so sehr an ihn als einen absolutistischen Fürsten.

Der Gesamtstaatspatriotismus umfasste auch andere gemeinsame Einrichtungen des Gesamtstaates, wie z. B. die Flotte, und bezog sich auf die Gleichwertigkeit der verschiedenen Territorien innerhalb der Monarchie. Daraus ergab sich ein besonderer Nimbus von Kopenhagen als der gemeinsamen Hauptstadt. Der Gesamtstaatspatriotismus war solide in der neutralen Außenpolitik der Regierung verankert, die Seefahrt, Handel und Wohlstand sicherte, und in der Innenpolitik, mit ihren zahlreichen fortschrittsfreundlichen Gesetzen über Meinungsfreiheit, Staatsangehörigkeitsbestimmungen, Landwirtschaftsreformen, Schulreformen usw.. Sie erhielt während der Kriege gegen England 1801 und 1807-14 weiteren Zuspruch, als überall gefühlsgeladene patriotische Initiativen ausgelöst wurden, beispielsweise Einsammlungen zugunsten der Hinterbliebenen von Verwundeten und Gefallenen, zum Aufstellen von Wachtposten und Milizen oder zu freiwilligen Beiträgen für Kanonenbooten. Auch wenn der Staatsbankrott 1813 und der Verlust von Norwegen 1814 mit den Krisen der nachfolgenden Jahrzehnte und der Reformpause die gesamtstaatlichen patriotischen Gefühle schwächte, war er doch in den 30’ er und teilweise  auch den 40’ er Jahren des 19.Jahrhunderts noch vorhanden.

Die Ständeversammlung in Schleswig und die schleswig-holsteinischen Liberalen

Das Jahr 1830 war ein Einschnitt in der europäischen und schleswig-holsteinischen Politik. Die Julirevolution in Paris, Belgiens Freiheitskampf gegen Holland, der Aufstand im russischen Polen und Unruhen in mehreren deutschen Staaten führten auch zu einem Echo in den Herzogtümern. Im November erschien eine kleine Schrift "Über das Verfassungswerk in Schleswig-Holstein", von Uwe Jens Lornsen, dem Landvogt auf Sylt. Darin schlug Lornsen einen Landtag und eine gemeinsame Verfassung für Schleswig und Holstein vor. Die Zentralregierung der Herzogtümer sollte von Kopenhagen nach Kiel verlegt werden, eine Trennung von Verwaltung und Gerichten erfolgen, und ein gemeinsamer oberster Gerichtshof für die Herzogtümer eingerichtet werden. Der liberale Lornsen wollte eine vollständige administrative und finanzielle Trennung der Herzogtümer von Dänemark erreichen – „nur König und Feinde sollten gemeinsam sein“. Mit seiner Schrift wollte Lornsen eine Volksbewegung in Gang setzen, aber die Stimmung in den Herzogtümern war eine ganz andere. Außer bei einigen Sympathisanten unter jüngeren Lehrern und Studenten an der Universität Kiel fanden Lornsens Gedanken keinen Anklang. Am 23. November wurde er verhaftet, und später zu einem Jahr Festungshaft verurteilt. 
 
Die Regierung war allerdings inzwischen zu der Auffassung gelangt, dass Reformen nicht mehr zu umgehen seien. Durch Anordnungen von 1831 und 1834 wurden Ständeversammlungen in den vier Teilen des Königreiches eingeführt:  dänische Inseln, Nordjütland, Schleswig und Holstein. Damit wurde die Gleichstellung der Landesteile im Gesamtstaat unterstrichen, und eine Zweiteilung in einen dänischen und einen deutschen Teil verhindert. Um dem schleswig-holsteinischen Bewusstsein entgegenzukommen, wurde gleichzeitig eine gemeinsame Provinzialregierung für beide Herzogtümer und ein gemeinsames oberstes Appellationsgericht in Kiel eingerichtet. Die lokalen Verwaltungen hingegen wurden von der Reform nicht berührt, und behielten ihre mittelalterliche Vielfalt mit Ämtern, Landschaften, Kleinstädten und Flecken, Kanzleigütern, Guts- und Klosterdistrikten und königlichen Enklaven bei. Auch in den unteren Instanzen wurden Rechtspflege und Verwaltung nicht voneinander getrennt. Da die Ständeversammlung nur beratende Funktion haben sollte, ersetzte sie auch nicht den Absolutismus.
 
Die Ständeversammlung für das Herzogtum Schleswig erhielt ihren Sitz in der Stadt Schleswig. Die Zusammensetzung spiegelte das Privilegiensystem wider. Der König benannte die Vertreter von Ritterschaft, Geistlichkeit und der Universität in Kiel, der Herzog von Augustenborg wurde automatisches Mitglied. Die übrigen Delegierten wurden für eine Wahlperiode von jeweils sechs Jahren in direkter und freier Wahl gewählt. Das aktive Wahlrecht hatten nur Männer, die das 25. Lebensjahr vollendet hatten und ein gewisses Vermögen besaßen. Für das passive Wahlrecht war ein größeres Vermögen und ein Alter von mehr als 35 Jahren erforderlich. Nur etwa 2 % der Bevölkerung hatten das Wahlrecht, dies war aber nur geringfügig weniger als in England, und mehr als in Frankreich und Preußen. 
 
Die erste schleswigsche Ständeversammlung traf sich im Jahre 1836, und danach jedes zweite Jahr. In diesem ersten Parlament gab es Ansätze einer Parteienaufteilung, aber die Trennlinien waren nicht immer ganz eindeutig. Vorschläge, die die Gemeinsamkeit und Zusammengehörigkeit von Schleswig und Holstein unterstrichen, wurden oft über die Fraktionsgrenzen hin begrüßt. Das gleiche galt für Einsparungen und Steuererleichterungen. Führende Person der Rechten war Herzog Christian August von Augustenborg, dessen Hauptmotiv die Verteidigung der Rechte des Adelsgeschlechtes war. Außer den Gutsbesitzern zählten auch mehrere Vertreter der Kleinstädte und der Geistlichkeit zu den Verteidigern der bestehenden Privilegien. Näher der Mitte standen die Altliberalen. Die Linke bestand aus den wenigen eigentlichen Liberalen, deren unbestrittener Führer der Kaufmann Peter Hiort Lorenzen aus Haderslev war.

Hauptanliegen der Liberalen war die Öffnung der Ständeversammlung für die Öffentlichkeit, das Recht, Steuern zu bewilligen, Einfluss auf die Finanzverwaltung, allgemeine Wehrpflicht, Entscheidungsgewalt für die Ständeversammlung und größere Redefreiheit. Die Vertreter der Bauern lassen sich nur schwer in einem rechts-links Spektrum anbringen. Sie waren königstreu und loyal gegenüber der vorhandenen Staatsverfassung, aber kritisch gegenüber den Beamten. Sie arbeiteten insbesondere für die Verbesserung der Bedingungen der Bauern durch die Abschaffung von Zins – und Frondiensten, Abschaffung des Jagdrechtes der Gutsbesitzer auf Bauernland usw.  Ein hervorragender Vertreter der Bauernschaft war Nis Lorenzen aus Lilholt in Nordschleswig. 
 
Trotz der begrenzten Presse-, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit gelang es den Liberalen, eine starke Position in der neuen politischen Öffentlichkeit zu erreichen. Eine schleswig-holsteinische liberale Presse wurde durch Etablierung von neuen Blättern wie dem "Kieler Correspondenz-Blatt" oder den "Schleswig-Holsteinische Blättern" erreicht, und durch Zustimmung von mehreren, bislang unpolitischen lokalen "Intelligenzblättern" wie z.B. "Lyna" aus Haderslev und "Allgemeines Wochenblatt" aus Aabenraa. Öffentliche politische Treffen durften nur mit polizeilicher Genehmigung abgehalten werden. Auch das Vereinigungsrecht war nicht immer gewährleistet. Die Regierung tolerierte jedoch die Einrichtung von Bürgervereinen, die ab etwa Mitte der 1830'er Jahre entstanden, z. B. in Flensburg 1835, in Husum und Haderslev 1838. Diese Vereine waren in erster Linie gesellschaftliche Vereine, konnten aber in den Händen der Liberalen zum Wahlkampf in Verbindung mit den Wahlen zur Ständeversammlung, und zum Einsammeln von Unterschriften oder Kampagnen zur Demokratisierung der Stadtverwaltung eingesetzt werden.
 

Kriege 1864 und 1866 - Übergang zu Preußen

Das mitteleuropäische Staatensystem sah sich Mitte des 19. Jahrhunderts der aufstrebenden Macht des Königreichs Preußen gegenüber. Es machte sich daran, eine feste Position in der Mitte des Kontinents zu erobern. Getragen wurde seine Macht von der wirtschaftlichen Kraft der sich entfaltenden Industrien an Rhein und Ruhr. Gesellschaftlich bestimmt aber wurde Preußen weiterhin von den Junkern, den adligen Gutsbesitzern in den östlichen preußischen Stammlanden, geführt von einem von ihnen, dem Ministerpräsidenten Otto von Bismarck.

Gestützt auf eine starke Position der Krone im Inneren und auf eine moderne, schlagkräftige Armee, nutzte Preußen diplomatische Möglichkeiten, um seine Macht zu entfalten. Nach dem Krieg von 1848 bis 1850 war das politische System durch das Londoner Protokoll von 1852 geordnet worden. Dies besagte unter anderem, dass Schleswig und Holstein staatsrechtlich nicht voneinander getrennt werden durften. Genau dies aber unternahm die dänische Regierung 1863, indem eine neue Verfassung das Herzogtum Schleswig dem Königreich Dänemark direkt angliedern sollte.

Dieser Vorgang bot die Handhabe für einen Angriff. Preußen und Österreich verlangen von Dänemark die Aufhebung der eiderdänischen Verfassung. Da das auf 48 Stunden befristete Ultimatum in Kopenhagen abgelehnt wurde, überschritten am 1. Februar 1864 die preußischen und österreichischen Truppen die Eider. Die dänische Hauptarmee räumte das Dannewerk und zog sich nach Norden zurück. Bei Oeversee kam es am 6. Februar zu einem ersten Gefecht, bei dem die Dänen von den Österreichern geschlagen wurden. Das wichtigste Ereignis des Krieges war die Erstürmung der Düppeler Schanzen durch preußische Truppen am 18. April 1864. Nach weiterem Vordringen der deutschen Bundestruppen verzichtete schließlich im Frieden von Wien am 30. Oktober 1864 der dänische König zugunsten Österreichs und Preußens auf die Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg.

In der Folge wurde der Streit über die Zukunft Schleswig-Holsteins zu einem Punkt der schwelenden Auseinandersetzung zwischen Preußen und Österreich, wobei es das Ziel Preußens war, die Donaumonarchie aus dem Deutschen Bund auszuschließen. Schließlich kam es zum Krieg. Im Juni 1866 besetzten die Preußen die bis dahin von Österreich verwalteten Gebiete insbesondere in Holstein. Am 3. Juli 1866 fiel die Entscheidung in der Schlacht bei Königgrätz in Böhmen. Am 12. Januar 1867 erließ König Wilhelm I. von Preußen ein „Patent wegen Besitznahme der Herzogtümer Holstein und Schleswig“.

Als am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal von Versailles nach dem Sieg der deutschen Truppen gegen Frankreich Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser ausgerufen wurde, brachte er als König von Preußen die Provinz Schleswig-Holstein in das neue Kaiserreich ein. Weder die bürgerlichen Schleswig-Holsteiner, die zeitweilig von einer freiheitlichen Verfassung für ihr Land geträumt hatten, noch Friedrich von Augustenburg, den Ende 1863 Tausende als neuen Landesherren der Herzogtümer einsetzen wollten, spielten dabei eine Rolle. Die Schleswig-Holsteiner waren zuerst Preußen und sodann Deutsche geworden, zunächst widerwillig, eine Generation später in ihrer Mehrheit begeistert, und sie hatten daher die Folgen der in Deutschland gemachten Politik mit zu tragen.

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